Pressemitteilung

03.05.2013

Extreme Cities Project: Fünf Hypothesen für Städte in 2050

Hypothese 1: Potenziale des Generationenmix
„Städte ziehen ein breites Spektrum von Menschen aller Altersgruppen an. Dank flexibler sozialer und technischer Infrastrukturen bietet die städtische Umgebung ungleich mehr Betreuungsmöglichkeiten für Menschen als die Netzwerke der Großfamilien in ländlichen Gegenden es je vermochten. Gesundheitsexperten zufolge leben die Menschen heutzutage länger, gerade weil sie meistens in Städten wohnen. Verbesserte Lebensbedingungen, Zugang zu Gesundheitsdiensten und -erziehung sowie erleichterte Mobilität ermöglichen älteren Menschen ein sorgenfreies Leben in der Stadt. Medizinischer Fortschritt und Gesundheitsvorsorge haben nicht nur zu einer weltweiten Steigerung der Lebens-erwartung beigetragen, sondern auch das Altersspektrum in den Städten dramatisch erweitert.

Der klassische Vorteil der generationsübergreifenden städtischen Gesellschaft wird ebenfalls zukünftig exponentiell anwachsen. In der nicht allzu fernen Zukunft werden sehr viel mehr ältere Menschen in den Metropolen leben. Bis zum Jahr 2050 werden zwei Milliarden Stadtbewohner über 60 Jahre alt sein.

Das Projekt ‚Extreme Cities′ nutzt die Vorteile des Generationenmix: Das Modell Kindheit – Bildung – Berufsleben – Ruhestand wird durch neue generationenübergreifende Synergien ersetzt, was dazu führt, dass die zeitlichen Grenzen zwischen Bildung, Beruf und Freizeit verschwimmen werden. Innovative urbane Strukturen werden diese Synergien vorantreiben, sodass sie ihre Wirkung optimal entfalten können. Mit steigendem Alter werden Menschen weniger belastbar auf Umweltreize und stattdessen in wachsendem Maße auf Hilfe aus ihrem unmittelbaren Umfeld angewiesen sein. Besonders Babys und Menschen im fortgeschrittenen Alter reagieren auf Umwelteinflüsse besonders sensibel.

Dies kann jedoch ein großer Vorteil der Stadt sein, denn viele Gesundheitsorganisationen, allen voran die WHO, vertreten die Meinung, dass die Antwort hierauf in einer Stärkung des Stadtraumes zu finden ist. So ist die Schaffung einer seniorengerechten Umwelt (Orientierung, Mobilität, andere altersgerechte Dienstleistungen) die effektivste Politik, dem demografischen Wandel wirksam entgegenzutreten. Man muss sich diesbezüglich fragen, welchen Wandel eine Stadt durchlaufen muss, um dem erweiterten Altersspektrum ihrer Bewohner gerecht zu werden und das gemeinsame Potenzial bestmöglich zu nutzen.“

Hypothese 2: Asymmetrische Mobilität
„Städte sind seit jeher Orte des Wandels. Selbst die kleinste Stadt ist ein dichtes Gefüge aus sich überschneidenden Netzwerken. Menschen, Güter und Ideen folgen keinen vorgefertigten, linearen Mustern. Städte bieten nahtlose Übergänge zwischen den einzelnen Systemen. Die Vielfalt und Asymmetrie der Wege schafft neue Verbindungen, neues Potenzial und neue Nutzeffekte. Die Menschen wurden schon immer durch den Wunsch nach Mobilität und Freiheit in die Städte gelockt. Mit dem Zurücklassen der Langsamkeit des Dorflebens und der Hinwendung zur Schnelllebigkeit der Stadt hat sich nicht nur das Mobilitätsverhalten des Einzelnen erhöht, sondern auch die Taktung der Wahrnehmung von neuen Impulsen, die einen Wandel nach sich zog. In der Folge wurde ein nie dagewesenes Potenzial an menschlicher Kreativität und Erfindergeist freigesetzt.

Im 20. Jahrhundert machten sich die Planer daran, das erhöhte Ausmaß an Mobilität aufzufangen und die negativen Auswirkungen von Mobilität zu mindern, indem sie sie anhand der Symmetrie der täglichen Verkehrsmuster einer rationalen Steuerung unterwarfen. Sie gingen davon aus, dass mutmaßliche Wege zum Arbeitsplatz über die Wahl des Transportmittels entscheiden würden. In diesem Jahrhundert wird die Mobilität asymmetrische Formen annehmen, denn die Menschen nutzen vielfältige Transportmittel, um sich im Alltag von A nach B zu bewegen. Vorhersehbare Muster werden durch eine Reihe von Nutzungsentscheidungen in Echtzeit ersetzt; es besteht ein nahtloser Übergang zwischen den Systemen. Hierarchische Strukturen von Knotenpunkten, Drehscheiben, etc. machen vielfältigen Verkehrsmitteln Platz, die sich permanent weiterentwickeln. Im Vergleich zu unseren heutigen Städten werden sich die Muster und Verhaltensweisen der Fortbewegung in den ‚extremen Städten‘ der Zukunft immer schwieriger voraussagen lassen und immer komplexere Formen annehmen.

Mit dem Wandel von Beruf und Freizeit werden sich die Art und Weise, der Ort und die Zeiten ändern, zu denen sich die Menschen durch die Stadt bewegen. Der Großteil moderner Verkehrssysteme ist auf ein konventionelles Ein- bzw. Auspendelverhalten ausgerichtet; reine Pendlermodelle haben jedoch längst ausgedient. Heutzutage bewegen sich Reisende nicht mehr länger nur von Zuhause zum Arbeitsplatz und zurück. Stattdessen kombinieren Menschen verschiedene Verkehrsmittel, Zeiten und Fahrtziele auf eine asymmetrische Weise, die den aktuellen Wandel in der räumlichen Struktur und das Wirtschaftsgefüge der Stadt widerspiegelt.

Wichtig hierbei ist, dass zukünftige Städte nicht länger an ein binäres System von Individualverkehr und Nahverkehr gebunden sind, ja nicht einmal mehr zwischen Verkehrssystem und Reiseziel unterscheiden müssen. Stattdessen schaffen Städte neue Wege, um Menschen und Handel regional und international miteinander zu verbinden; angefangen beim Online-Handel (ersetzt den Weg zum Einzelhandel) über gemeinsam genutzte Mobilität bis hin zur Telearbeit. Technische Fortschritte in der Informationstechnologie und Telekommunikation können die Fortbewegungskosten dramatisch reduzieren. Reisende brauchen sich nicht länger mit den Verpflichtungen, die Besitz und Eigentum mit sich bringen, auseinanderzusetzen, können die Vorteile der Nutzung jedoch weiterhin genießen. So werden sie jederzeit multiple Verkehrssysteme nutzen, zwischen denen sie flexibel hin- und herwechseln können. Damit wird die Fähigkeit der Stadt, ein übergreifendes und asymmetrisches Verkehrsangebot zur Förderung von Potenzial bereitzustellen, aufs Stärkste ausgereizt.“

Hypothese 3: Komplexität
„Die Stadt ist der komplexeste Organismus, den die Menschheit je erschaffen hat. In einer Stadt wohnen unzählige, hochspezialisierte Personen, die durch multiple, sich überschneidende lokale Systeme miteinander verbunden sind und umfassende gemeinsame Infrastrukturen und Technologien nutzen, die auf höchst komplexe Weise miteinander interagieren. Diese Vielfalt und Komplexität treibt das Wachstum an, das wiederum die Weiterentwicklung fördert – ein immerwährender Kreislauf. Jeder Aspekt in diesem unvorstellbar komplexen System kann eine massive, nicht umkehrbare Veränderung auslösen. Auf die Frage, was die Quintessenz einer Stadt sei, antwortete der Architekt Louis Kahn: ‚Es ist der Ort, der einem kleinen Jungen beim Durchstreifen etwas offenbart, das ihm eine Idee gibt, wie er sein Leben gestalten will.‘

Städte beherbergen Menschen aus sämtlichen Lebenslagen, es sind Orte, an denen unterschiedliche Klassen, Ethnizitäten und Ideen zusammenkommen. Als Maß von kollektiver Intelligenz ist die Komplexität eine Messlatte der Stadt. So wie es beim Cholesterin gute und schlechte Werte gibt, gibt es verschiedene Ausprägungen urbaner Komplexität. Soziokultureller Reichtum, Diversität sowie offene, leicht reparierbare und veränderbare Formen der Technik bringen ein Maß an Komplexität hervor, das den Städten ein höheres Maß an Produktivität und Widerstandskraft verleiht. Steigende Bürokratie, nicht kompatible geschlossene Technologien und Zugriffsschranken fördern eine negative Komplexität, die Städte in einem Zeitalter wachsender Bedrohungen z.B. durch extreme Klimaereignisse, urbane Kriegsführung und Terrorismus angreifbarer machen. Da Systeme immer stärker aufeinander aufgebaut sind, können Kettenreaktionen von Störungen ausgelöst werden, was sich in Unfällen wie der Kernschmelze in Fukushima, in der Zerstörung der ‚Deepwater Horizon′ oder dem „Flash Crash“ widerspiegelt, bei dem durch eine Reihe von Schwachpunkten in verbundenen Systemen ein Ereignis ausgelöst wird, das außer Kontrolle gerät.

Anders ausgedrückt: Hochkomplexe Systeme sind extrem anfällig. Genau wie das Gehirn von allen Organen dasjenige ist, das am meisten Energie verbraucht, so erfordert die Komplexität große Mengen an Ressourcen. Kulturen, die diesen Anforderungen nicht gerecht werden, gehen zwangsläufig unter. Erfüllen sie diese Anforderungen jedoch, so sind ihre Städte Konzentrationen ungeheurer Lebenskraft; sie fördern einen vielfältigen Austausch, den es in der Geschichte der Menschheit in dieser Form noch nicht gegeben hat. ‚Extreme Cities′ schöpfen diese Komplexität optimal aus und begünstigen so neue Formen von Komplexität.“

Hypothese 4: Migration
„Städte entstehen aufgrund von Migration. Menschen ziehen in eine Stadt, weil andere Menschen aus anderen Gegenden ebenfalls in die Stadt ziehen. Die Identität einer Stadt wird kontinuierlich durch den Zufluss von ‚Außenseitern‘ neu geformt, die durch die Chancen und internationale Dichte, die ihnen die globalen Metropolen bieten, angezogen werden. In Städten findet ein unablässiger, dynamischer Fluss von Zuwanderung statt, der sie erschafft und den sie selbst erschaffen. Migration bedeutet jedoch nicht einfach die Wanderung zwischen Städten, sondern ist eine strukturelle Voraussetzung der Stadt selbst. Die Epochen des 19. und 20. Jahrhunderts waren hauptsächlich durch eine massive Landflucht in die Städte geprägt; im 21. Jahrhundert werden wir eine größere Wanderung zwischen den Städten und eine Beschleunigung des grenzübergreifenden Flusses von Menschen, Ideen und Gütern beobachten.

Globale Migrationsflüsse nehmen zu. Diese Anziehungskraft der Städte lässt sich dadurch erklären, dass auch andere Menschen sich an diesem Ort befinden, der Chancen und Kulturen solche Flexibilität verleiht. Migration entsteht nicht nur aus Fortschritt, sondern gleichermaßen aus der Krise. Durch die Zersplitterung von Stadtbevölkerungen in Folge von humanitären, wirtschaftlichen und umweltbedingten Katastrophen sowie dem Aufbruch neuer Stadtbevölkerungen aufgrund neuer sich bietender Möglichkeiten entsteht eine fortlaufende Änderung der Zusammensetzung von Städten. Im Jahr 2010 befanden sich laut Schätzungen der UN ca. 214 Millionen Menschen im Aufbruch, die Mehrheit davon in Entwicklungsländern. Gleichzeitig haben in der entwickelten Welt länder- und regierungsübergreifende Organisationen wie die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds die Mobilität von wirtschaftlichen Leistungen erhöht und Verkehrsinfrastrukturen eine neue Form von Weltbürgern geschaffen.

Im Laufe der nächsten Jahrzehnte werden Städte in Folge des beständigen Zuwachses weiter an Diversität gewinnen. Es wird massive Migrationsflüsse geben. Die Grenze zwischen Neuankömmlingen und Bewohnern wird verschwimmen. Migration wird nicht länger ein einschneidendes einmaliges Ereignis im Leben eines Menschen sein, sondern die Norm für Arbeitskräfte und Eliten werden, die häufig zwischen den Weltstädten hin- und herziehen. Der Unterschied zwischen ‚Zuhause‘ und ‚Unterwegs‘ wird schwinden. Die Wanderung zwischen den Städten und die Wanderung innerhalb der Städte werden eine ähnliche Komplexität haben. In der ‚extremen Stadt‘ werden neue Konzepte zur Gesamtinfrastruktur diesen unaufhaltsamen Fluss zwischen den Städten auffangen und forcieren.“

Hypothese 5: Großzügigkeit
„Seit ihrer Entstehung waren Städte Orte des Schenkens. Ein wesentlicher Grund für das Wachstum von Städten ist ihre Qualität als eine Umgebung der Großzügigkeit. Ohne Zweifel können Städte Menschen auch auf verschiedene Weise vernachlässigen; jedoch sind sie alle von einzigartiger Großzügigkeit geprägt. Die außergewöhnliche Effizienz und Produktivität, die manche weltoffene urbane Dichte kennzeichnet, basiert auf der oftmals übersehenen Dimension überraschender Großzügigkeit. Jede Stadt bietet ein multiples Maß an Möglichkeiten. Die Stadt ist per Definition ein Ort des Zusammenlebens, des Teilens der gemeinsamen Umgebung mit anderen Menschen. Sie hat es zu Wohlstand gebracht, weil die Menschen entgegen aller Erwartungen und Regeln miteinander umgehen und sich austauschen. Die Kultur dieses Zusammenwirkens basiert auf Austausch, dem Weitergeben von Ideen und Wissen, das die offensichtlichen Grenzen stets überschreitet.

Jede Ebene der Stadt bietet eine unerwartete Offenheit, Großzügigkeit oder Unterstützung, die ein ebenfalls unerwartetes Wachstum in der Stadt selbst auslösen kann. Jeder Akt der Großzügigkeit kommt sowohl dem Gebenden als auch dem Nehmenden zugute – dies treibt die Stadt voran. Schenkungen erzeugen Kapital in Form von Wissen, sowohl seitens des Gebenden als auch des Nehmenden. Anders als Finanzkapital oder politisches Kapital ist das Kapital des Schenkens niemals ausgeschöpft; vielmehr wächst es für beide Beteiligte. Wenn ein Geber einem Empfänger etwas zukommen lässt, so empfängt der Empfänger nicht nur Hilfe, sondern auch Wissen, und die stillschweigende Einladung der Selbstbeteiligung, aktiv an der Stadt teilzuhaben. Als ein Modell des Austauschs beschreibt dieses Beispiel die positive Dimension der ‚Fähigkeit des Weitergebens‘ in der Stadt und zeigt den unschätzbaren Wert des Miteinanders angesichts kulturellen und sozialen Zusammenlebens. ‚Extreme Städte‘ gewinnen an Stärke, indem sie neue Formen der Großzügigkeit fördern.“

Columbia University

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