Rede - Es gilt das gesprochene Wort -

Rupert Stadler, Vorsitzender des Vorstands der AUDI AG

Istanbul/ SUADA, 18.10.2012

Rede zur Preisverleihung des Audi Urban Future Award 2012

Rupert Stadler, Vorsitzender des Vorstands der AUDI AG

Meine sehr verehrten Damen und Herren, guten Abend!

Wir von Audi und unsere Partner beim Audi Urban Future Award treten heute an, um das Lastenheft für die Stadt der Zukunft zu erstellen. Für mich geht es an diesem Abend nicht allein um eine Preisverleihung. Was wir als Jury von den fünf teilnehmenden Architekten gesehen haben, war durch und durch faszinierend – kein Zweifel. Doch es geht um mehr. Für mich geht es heute um eine konkrete Anleitung für den Weg zur Urbanität 3.0.

Nach dem ersten Award 2010 haben wir zuweilen zu hören bekommen: Schön und gut, was ihr da an Ideen habt – aber bleibt ihr nicht ein wenig zu abstrakt damit? Dies war ein wichtiger Hinweis. Den Siegerentwurf des diesjährigen Wettbewerbs, werden wir Ihnen in wenigen Minuten präsentieren. Und wir haben beschlossen, dass wir diesen in den kommenden Monaten ab heute weiter entwickeln – zu einem City-Dossier. Dieses analysiert und bewertet eine Stadt

  • gesellschaftlich
  • technisch
  • und räumlich.

Am Ende erwarten wir uns den Anstoß  für langfristige Praxisprojekte. Dieses Dossier wird eine konkrete Anleitung werden, wie man eine Stadt planen oder umgestalten kann, um folgenden Herausforderungen zu begegnen: Die zunehmende Urbanisierung mit

  • mehr Smog
  • mehr Verkehr
  • mehr Lärm

und gleichzeitig mit immer weniger Raum für uns selbst.

Wir erleben einen globalen Trend zur Verdichtung. Seit 2010 leben weltweit erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. 2030 werden 5 Milliarden Menschen in der Stadt leben – versus 3,5 Milliarden auf dem Land. In der Folge werden Ballungsräume zunehmend größer und dichter. In China zählt man bereits mehr als vierzig Millionen-Großstädte. Weltweit gibt es zehn Metropolen, in denen sogar mehr als zehn Millionen Menschen leben. Nach Mexiko, Shanghai und Peking liegt Istanbul auf Platz vier der Megacities.

Als ich mit meiner Frau hier vor einiger Zeit ein paar Urlaubstage verbracht habe, da wusste ich sofort: Hierher müssen wir zur Preisverleihung einladen! Warum bin ich so begeistert von dieser Stadt? Istanbul ist die Stadt der Gegensätze:

Auf der einen Seite verwinkelte historische Straßen wie in einem Labyrinth. Auf der anderen Seite ein internationaler Knotenpunkt des Verkehrs mit Flughäfen, Busbahnhöfen, Autobahnen und Hafen.

Auf der einen Seite Moscheen, Villen und Paläste. Auf der anderen Seite Wolkenkratzer im Wirtschaftsviertel von Levent.

Insgesamt gesehen: Eine alte Stadt mit 2.600 Jahren Geschichte – in der zugleich so viele junge Menschen leben wie nirgendwo sonst in Europa. Hier treffen Konzepte, Kulturen, Kontinente aufeinander. Und es scheint hier zu gelingen, dass sich Gegensätze auflösen oder zumindest nicht widersprechen. Die Brücke über den Bosporus ist ein starkes Symbol dafür. Sie verbindet erst seit knapp vierzig Jahren Europa und Asien miteinander. Welcher andere Ort eignet sich besser, um Brücken zu schlagen, um über Städte der Zukunft zu sprechen, als dieser Schmelztiegel mit 13 Millionen Menschen?

Beim Audi Urban Future Award macht gerade die Unterschiedlichkeit der Mobilitätskonzepte aus den großen Metropolregionen dieser Erde das Salz in der Suppe aus. Denn keine Stadt gleicht der anderen. Im Vorfeld dieser Preisverleihung haben wir als Jury fünf Vorschläge für nachhaltige Mobilität im Jahr 2030 kennengelernt, die es in sich hatten.

Das Architekturbüro Superpool aus Istanbul hat sich überlegt, wie es funktionieren könnte, wenn soziale Netzwerke mitbestimmen, damit Stadtplanung demokratischer wird. Und Superpool hat sich auch dafür ausgesprochen, öffentliche Plätze wiederzubeleben, indem man die Infrastruktur zurückdrängt.

Die Architekten von CRIT im indischen Mumbai haben einen ganzheitlichen Mobilitätsbegriff definiert, der Menschen, Güter, Energie und Daten umfasst. Den Stadtraum wollen sie im fairen Interessensausgleich zwischen den sozialen Klassen Mumbais gestalten und haben dafür spielerische Werkzeuge entwickelt. Unter dem Strich steht: mehr Lebensqualität.

Das Büro NODE im chinesischen Pearl River Delta will ein Gleichgewicht zwischen industrieller Produktion, natürlichen Ressourcen und Lebensqualität schaffen. Der Mensch soll im Mittelpunkt stehen. Die Straße soll als öffentlicher Raum dienen und Menschen real und virtuell vernetzen.

Der Urban Think Tank aus Sao Paulo in Brasilien hat als vierte Gruppe in alle Richtungen gedacht: Verkehr auf den Straßen, unter der Erde, in der Luft. Die Architekten haben dabei die Verkehrsträger auf unterschiedlich langen Distanzen miteinander verschmolzen. Sie haben auch deutlich gemacht, wie Mobilität soziale Grenzen überwinden kann. Und wie insgesamt ein neues Lebensgefühl entsteht, das auf neuen Formen von Mobilität beruht.

Und Höweler + Yoon Architecture aus BosWash, dem Wirtschaftsraum Boston–Washington, haben uns präsentiert, wie man die Trennung zwischen Stadt und Vorort aufheben kann, wie man urbane Brachflächen besser nutzt, um Nahrungsmittel für die Region anzubauen wie man flexibler und effizienter pendelt und wie man Fahrtzeiten zu Erlebniszeiten macht.

Ich verrate Ihnen jetzt nicht, wer der Gewinner ist. Aber ich verrate Ihnen gerne, warum wir uns als Autohersteller dafür engagieren, dass das Leben in Städten lebenswerter wird. Warum wir dabei helfen wollen, urbanes Leben zu organisieren. Wer permanent nach Fortschritt sucht, muss auch den Mut haben, umzudenken und Bestehendes in Frage zu stellen. Das ist der Kern unserer Unternehmenskultur.

Wir bei Audi waren immer schon Pioniere für neue Wege. Wir waren immer schon ehrgeizig genug, um unseren Vorsprung Tag für Tag auszubauen. Deshalb gehen wir mit der Audi Urban Future Initiative seit drei Jahren ungewöhnliche, meist neue Wege. Wir sehen das Engagement als Teil unserer unternehmerischen Verantwortung. Eine Stadt soll nicht die Heimat von Problemen sein, sondern von Menschen. Sie soll unsere Lebensqualität ausmachen. Von ihr soll der Lebenspuls unserer Gesellschaft ausgehen.

Es mag auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich klingen, wenn sich ein Automobilkonzern mit Städten und urbanen Strukturen auseinandersetzt, um von ihnen zu lernen, wenn ein Automobilhersteller das Automobil, wie wir es heute kennen, in Frage stellt. Aber, ist es wirklich so ungewöhnlich, über den Tellerrand der eigenen Produktwelt zu blicken?

Mobilität in der Stadt soll auch in Zukunft Spaß machen. Wir betrachten Städte und Mobilität nicht nur aus der technologischen Perspektive sondern auch aus der soziologischen und kulturellen. Wir wollen dabei:

  • Wissen vereinen
  • Welten verbinden
  • Menschen vernetzen

Die Brücke über den Bosporus ist ein Beispiel dafür, dass es immer Menschen braucht,

  • die quer denken
  • die den Mut haben, etwas Neues zu schaffen
  • die Andere für ihre Ideen begeistern können,

mögen sie auch noch so außergewöhnlich erscheinen. Nur so entstehen wirklich wegweisende Innovationen!

Ich bin seit drei Jahren mit großer Freude Pate der Audi Urban Future Initiative. Ich bin gerade in dieser Zeit zur Überzeugung gelangt: Mobilität muss man weiter denken und eine andere Perspektive einnehmen, etwa die von Soziologen und Stadtplanern.

Und man muss dabei durchaus komplexe Fragen reflektieren. Zum Beispiel:

  • Welche sozialen Spannungen entstehen durch die aufstrebende Mittelschicht in Mumbai?
  • Was lernen wir aus den Mobilitätslösungen, die sich die Ärmsten von São Paulo erdacht haben?
  • Oder: Wie beeinflussen Social Media das Leben in Istanbul?

Einsichten aus diesen und anderen Fragen behandeln wir in unserem Unternehmen offen und systematisch. Wir stoßen Veränderungen an und hinterfragen permanent unser eigenes Handeln. Daraus entstehen wesentliche Impulse für neuen Erfolg.

Im Rahmen der Audi Urban Future Initiative teilen wir umgekehrt auch unser Wissen, etwa mit den Architekten des diesjährigen Awards. Das ist ein Experiment, das in dieser Form noch kein anderes Unternehmen eingegangen ist. Wer außer uns würde Dritten Einblick in seine Technische Entwicklung geben? Wir haben uns auf das Ungewisse eingelassen. Und bisher damit großen Erfolg gehabt.

Meine Damen und Herren,

viele von uns wohnen, arbeiten und leben in Städten. Deshalb müssen wir sie auch verstehen lernen. Ihre Eigenarten und ihre Besonderheiten, – wenn Sie so wollen – ihr Funktionsprinzip. Und die Erwartungen der Menschen. Bei aller Globalisierung steckt in den Städten ein hohes Maß an lokaler Identität.

Deshalb gibt es für die Stadt der Zukunft nicht den einen Bauplan, der allgemeingültig ist.

Und war für die Stadt gilt, lässt sich auch auf die Mobilität der Zukunft übertragen: Deren Herausforderungen vermag niemand alleine zu lösen.

  • keine Regierung
  • kein Unternehmen
  • kein soziales Netzwerk

Doch gemeinsam und interdisziplinär kann es gelingen.

Deshalb freuen wir uns sehr, dass wir Mark Wigley als Partner für unsere Audi Urban Future Initiative gewinnen konnten. Er hat als Dekan der Architektur-Fakultät an der renommierten Columbia University in New York einen Think Tank gegründet, der sich gemeinsam mit Audi wissenschaftlich mit der Zukunft von Städten befasst und dabei über die urbane Forschung der Gegenwart hinaus geht.

Das Projekt untersucht zum Beispiel asymmetrische Mobilität: Einen Mix verschiedener informeller und formeller Mobilitätsarten, die wir auch hier in Istanbul Tag für Tag beobachten können. Derartige Entwicklungen werden wir in extremer Zuspitzung als Grundlage für ein neues Nachdenken über die Städte der Zukunft nutzbar machen. Wir denken nicht mehr nur an das Jahr 2030, sondern Dekaden weiter. Nobelpreisträger, Juristen und Verkehrsexperten in diesem Think Tank denken Städte und die Mobilität radikal neu.

Ihr Ziel: Zehn Hypothesen zu zehn relevanten Themen der Stadt.

Mark Wigley steht für Dekonstruktivismus in der Architektur. Diese Richtung arbeitet Strukturen und Formen neu heraus und legt Instabilitäten offen. Die Erkenntnisse der Audi Urban Future Initiative, die wir in den vergangenen drei Jahren gewonnen haben, werden in das Projekt einfließen. Wir verstehen uns dabei als Schnittstelle zwischen den visionären Ansätzen einerseits und der nüchternen Realität der Wirtschaftswelt andererseits.

Da hilft uns auch Christian Gärtner, Vorstand der Stylepark AG, denn er fungiert in unserem Wettbewerb als Kurator. Er kommt gleich auf die Bühne.

Meine Damen und Herren,

was wäre die Welt ohne Visionen? Denken Sie an Atlantis. – eine ursprünglich ländlich geprägte Insel, die sich zur schlagkräftigen Seemacht entwickelte.

Platon hat Atlantis detailliert beschrieben:

  • groß, reich an Rohstoffen und Edelmetallen
  • zwei Ernten pro Jahr
  • ringförmig vom Zentrum ausgehende Bebauung
  • ein raffiniertes System von Wasserstraßen
  • kurz: Atlantis war einfach perfekt.

Die Sache hat nur einen Haken: Niemand weiß heute so genau, ob es Atlantis wirklich gegeben hat – oder ob es nur ein Mythos war.

Suchen wir nicht nach der perfekten Stadt!

Besinnen wir uns auf die Stärken unserer Städte.

Legen wir ihre historischen Wurzeln wieder frei.

Früher waren Städte viel kommunikativer als heute. Machen wir sie wieder zu Orten, an denen Menschen gerne leben.

Vielen Dank.

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