Rede - Es gilt das gesprochene Wort -

Rupert Stadler, Vorsitzender des Vorstands der AUDI AG

Bonn, 23.05.2013

Rede auf dem 13. VDA-Mittelstandstag Bonn

Rupert Stadler, Vorsitzender des Vorstands der AUDI AG

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kollegen des Mittelstands,

in unserer Industrie arbeitet laut den jüngsten VDA-Erhebungen knapp jeder fünfte der 750.000 Beschäftigten im Mittelstand – die meisten in Familienunternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern. Sie bilden das Rückgrat der Automobilwirtschaft in diesem Land! Hier im Verband der deutschen Automobilindustrie stellen Sie mit mehr als 500 Unternehmen die stärkste Gruppe. Drei Viertel der Wertschöpfung im Automobil – das ist kein Geheimnis – entstehen bei den Zulieferern. Auch wenn Sie beim Kunden nicht so stark wahrgenommen werden, gilt: Mit technischen Innovationen unterstreichen Sie den Spitzenruf des Automobil-Produktionsstandortes Deutschland und haben sich weltweit eine Führungsrolle erarbeitet.

Aktuelle Entwicklungen auf den Märkten in Südeuropa, inzwischen auch in Deutschland und Frankreich, zeigen, dass wir alle gut beraten sind, unseren globalen Footprint zu erweitern. Das macht uns unabhängiger von lokalen Schwankungen. Und das ist auch der Grund, warum es den deutschen Herstellern gerade in schwierigen Zeiten wie jetzt besser geht als beispielsweise den Franzosen. Unsere Industrie erwirtschaftet heute schon zwei Drittel ihres Umsatzes im Ausland – die Hälfte sogar außerhalb Europas.

Werfen Sie mit mir den Blick auf Audi: In Nordamerika geben wir gerade richtig Gas:

Dort wollen wir im Jahr 2020 pro Jahr 300.000 Einheiten ausliefern. In China liegen wir auch im 25. Jahr Marktpräsenz ganz vorne. Jeden vierten Audi verkaufen wir heute im „Reich der Mitte“. Warum ist China so wichtig? Nach einer Studie von McKinsey soll China die USA bis 2020 als weltgrößter Markt für Premium-Automobile überholen. Deshalb wollen wir in diesen beiden Regionen so stark sein wie heute in unserer Heimatregion Europa. Wer international agieren will, muss auch international produzieren: 2014 werden wir erstmals mehr Autos im Ausland bauen als im Inland.

Meine Damen und Herren,

mein Thema heute ist „Premium im globalen Wettbewerb: Wie sichern wir den gemeinsamen Erfolg?“ Und da möchte ich gleich vorwegschicken:  Bei der globalen Expansion sehe ich in der Zulieferindustrie noch deutlichen Nachholbedarf. Glaubt man der reinen Statistik, so ist Ihr Umsatz heute noch stark vom Inland dominiert. Dabei liegen auch für Sie große Chancen in einer weiteren Internationalisierung.

Oder anders gesagt: Wenn Sie sich global aufstellen, werden Sie robuster gegen regionale Risiken. Im Zusammenhang mit dem Bau unseres ersten Werks in Nordamerika haben wir Anfang Mai einen Appell an die Zulieferindustrie gesendet, den ich gerne wiederhole: Begleiten Sie uns auf der Reise nach Mexiko! Bis zum Ende des Jahres vergeben wir unser Einkaufsvolumen für den nächsten Audi Q5. Diesen weltweiten Segmentführer werden wir ab Mitte 2016 im neuen Audi-Werk San José Chiapa in Mexiko bauen. Da lohnt es sich für den einen oder anderen bestimmt, wenn er sich an unseren Ausschreibungen beteiligt.

Es gibt allerdings Voraussetzungen: Erstens: Wir werden 65 Prozent der Wertschöpfung vor Ort in Mexiko schaffen. So gebieten es die Handelsabkommen. Zwei Drittel Local Content bedeutet eine hohe Tiefen-Lokalisierung. Das gilt auch für 2nd tier und 3rd tier Lieferanten. Wir brauchen echte Lokalisierung – Bauteile, die vor Ort produziert werden. Zweitens: Wir erwarten Premium-Qualität. Denn das Gütesiegel „Made by Audi“ ist unser zentrales Kundenversprechen – und es gilt weltweit. Wie stellen wir das sicher? Indem wir unser Produktionsnetzwerk intensiv steuern. Zur Mitte des Jahrzehnts sind es 13 Produktionsstätten in 11 Ländern, an denen Modelle für Audi oder Lamborghini entstehen. Premium-Kunden wollen nicht auf den Beipackzettel schauen, wo ein Produkt herkommt. Sie verlassen sich auf ihre Premiummarke. Dieses Vertrauen nehmen wir bei Audi ernst.

Gleichzeitig sehen wir, wie die Nachfrage im Rekordtempo wächst. Da macht es betriebswirtschaftlich Sinn, mit der Produktion auch in solche Märkte zu folgen, in denen wir bislang keine eigene Produktionserfahrung, kein Lieferantennetzwerk haben. Das funktioniert nur, weil unsere starken Heimatwerke dabei als Steuerzentralen fungieren: Sie ermöglichen einen erfolgreichen Aufbau neuer Standorte im Ausland. Sie übernehmen Patenrollen für Auslandswerke. Sie entsenden Expatriates als Wegbereiter. Denn: Hier in Deutschland liegt das Know-how zu Schlüsseltechnologien. Hier in Deutschland erproben wir neue Prozesse für die Fertigung. Hier in Deutschland entwickeln wir konzernweite Baukästen.

Das könnte auch eine Art „Rollen-Modell“ für Sie werden: Übertragen Sie ihre Erfolgsrezepte von zu Hause in andere Regionen und vervielfachen Sie so ihre Chancen.

Achten Sie dabei jedoch immer darauf,  dass überall dort, wo Ihr Name drauf steht, auch Ihr Name drin ist. Nutzen Sie lokale Stärken und setzen Sie weltweit auf Standards.

Bei der Globalisierung, die ich meine, sprechen wir nicht von Verlagerung. Internationalisierung heißt für uns zusätzliche Kapazitäten und Wachstum im Ausland wie im Inland. Denn wir beschäftigen mit jedem Auto, das wir andernorts bauen, immer auch Mitarbeiter in Deutschland. Internationalisierung bedeutet für uns auch, gemeinsam im Verband gegen Protektionismus vorzugehen. Leider hat die Anzahl protektionistischer Maßnahmen in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen. Die Welthandelsorganisation hat allein 2011 339 neue Maßnahmen gezählt – eine Zunahme um 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Handelshemmnisse sind nicht mehr zeitgemäß, sie behindern den Export unserer und Ihrer Produkte.

Internationalisierung bedeutet auch, dass wir globale Verantwortung übernehmen. Wir sollten gemeinsam für einen verantwortungsvollen Umgang mit Rohstoffen eintreten: Wie werden sie gewonnen, wie wird mit ihnen gehandelt? Insbesondere, wenn es um Materialien geht, die für unsere Industrie wichtig sind, wie zum Beispiel Seltene Erden.

An dieser Stelle kann ich Sie nur ermuntern, uns bei der Suche nach Alternativen zu unterstützen. Nur so reduzieren wir einseitige Abhängigkeiten.

Damit wieder zu Mexiko: Der Start der Vorserienproduktion ist auf Mitte 2015 terminiert. Ein Jahr später wird der Q5 dann von Mexiko aus in Serie gehen. Es geht um ein Beschaffungsvolumen von rund 12 Milliarden Euro  über die gesamte Laufzeit der nächsten Modell-Generation. Wir haben eine gute Ausgangslage: Wir können auf die Lieferantenbasis von Volkswagen de Mexiko zurückgreifen. Doch kein Zulieferpartner hält 25 Prozent Kapazität auf Vorrat. Daher wollen wir auch neue Lieferanten gewinnen. Wir starten ein einzigartiges Programm zur Lieferantenentwicklung. Wir werden damit Qualität, Termine, Kapazitäten absichern. Wir werden den Mitarbeitern unserer Partner vor Ort die Audi Philosophie und die Anforderungen vermitteln, die wir an sie stellen. Darüber hinaus werden wir unsere Lieferpartner intensiv mit Rat und Tat beim Aufbau ihrer Fertigung begleiten. Das geht weit über die bislang betriebene Bauteilqualifizierung hinaus.

Es wird einen Zulieferpark nur 20 Kilometer vom Werk entfernt geben. Und noch dichter am Werk können die Bauteile in einem Just-in-Time/Just-in-Sequence Park fürs Band sortiert werden. Wir haben einen straffen Zeitplan. Doch es warten große Chancen auch auf unsere Zulieferpartner im Land mit der viertgrößten Automobil-Industrie der Welt. Zur Frage im Vortragstitel: „Wie sichern wir den gemeinsamen Erfolg?“ habe ich also heute ein ganz konkretes Beispiel mitgebracht.

Nun will ich das Premium-Segment im globalen Wettbewerb von morgen beleuchten, sagen wir im Jahr 2030. Wir wissen, dass der Hunger nach Mobilität in den kommenden zwei Jahrzehnten weiter zunehmen wird. Ein Treiber ist das Bevölkerungswachstum. Ein weiterer Treiber sind die aufstrebende Märkte wie Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika an der Schwelle zum Wohlstand. Goldman Sachs geht davon aus, dass die Schwellenländer im Jahr 2030 nicht mehr 37, sondern 59 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erbringen werden. Mobilität gilt als der Schlüssel zur Teilhabe am Wohlstand.

Und wie sieht die Zukunft konkret des Premiumsegments aus? Das Traumauto wird auch 2030 noch ein großes Auto sein. Parallel zum C- und D-Segment wird das A0-Segment immer wichtiger. Heute suchen Kunden in vielen Ländern die soziale Abgrenzung. Der Kauf eines Premium-Produkts ist für Sie ein gesellschaftliches Statement. Morgen bleibt Differenzierung ein wichtiger Kaufgrund. Doch immaterielle Werte werden immer wichtiger: Nachhaltigkeit, Zeit, Beziehungen und Selbstverwirklichung.

Hier genau setzen wir mit unserer Unternehmensstrategie an: Ein Audi soll uneingeschränkt für nachhaltige Mobilität stehen. Fahrzeit soll für unsere Kunden sinnvoll genutzte Lebenszeit sein. Ein Audi wird als der Link zur digital vernetzten Welt gelten. Und er ist so individuell wie ein Maßanzug.

Zum ersten Stichwort: nachhaltige Mobilität. Unser Stichwort heißt hier tron. Mit e-tron setzen wir auf emissionsfreie Elektromobilität. In der aktuellen Phase halten wir unsere Plug-in-Hybride als die beste Lösung aus Kundensicht. Warum? Hier hat der Fahrer das gute Gefühl von genügend Reichweite. Hier sucht er nicht verzweifelt nach einer Ladesäule. Hier kauft er keine schweren, teuren Batterien. Kurz: Hier hat er ein alltagstaugliches Auto. Echte Nachhaltigkeit entsteht natürlich nur, wenn wir den gesamten Energie- und Emissions-Weg betrachten. Das bedeutet: Wir rechnen well to wheel, vom Erzeugen der Energie bis zum Rad, mit dem wir die Energie auf die Straße bringen. Der Satz „Strom kommt doch aus der Steckdose“ reicht uns selbstverständlich nicht.

Diesen ganzheitlichen Ansatz können Sie auch sehr schön bei Audi g-tron sehen. Das „g“ steht dabei für Gas, und zwar synthetisch erzeugtes Gas. Wir nutzen überschüssigen Strom aus einem Windpark, stellen damit Wasserstoff her und verbinden diesen mit CO2. Das entstehende Audi e-gas speisen wir ins Erdgasnetz ein. Auf diese pfiffige Weise speichern wir Energie. Und bringen diese über große Distanzen hinweg zu den Erdgastankstellen und damit zum Kunden. Wenn es nötig ist, kann e-gas auch wieder in Strom umgewandelt werden. Der Audi A3 g-tron, den wir vor einigen Wochen beim Autosalon in Genf vorgestellt haben, ist mit einem bivalenten Erdgas-Antrieb ausgerüstet und kommt mit Benzin und Gas auf eine Reichweite von 1.300 Kilometer. Mit dem Audi e-gas aus der größten Power-to-Gas-Anlage der Welt im Emsland bieten wir die umweltfreundlichste Form der Langstreckenmobilität.

Und langfristig wird die Audi tron-Familie weiter wachsen, denn e-tron und g-tron sind für uns lediglich erste Schritte, wie das Engagement auf dem Weg zum synthetischen Dieselkraftstoff zeigt. Wir werden jedenfalls unserem Kunden immer nur das anbieten, was er auch haben will und was er sinnvoll nutzen kann.

Zum zweiten Stichwort für Premium 2030: sinnvoll genutzte Lebenszeit. Autofahren soll Spaß machen und ist bei Audi immer mehr als “A nach B“. Deshalb suchen wir stets nach einem Optimum aus Effizienz und Fahrspaß. Und wenn der Fahrspaß fehlt, im dichten Kolonnenverkehr oder im Stau, dann soll ein Audi-Fahrer die Zeit für etwas Besseres nutzen können. Dank Pilotierten Fahrens und Parkens.

Ich sprach vorhin vom Link zur digital vernetzten Welt. Deshalb ist ein Audi heute schon in jeder Hinsicht das größte Mobile Device, das es gibt. Den Audi A3 erlebt sein Fahrer als Teil des World Wide Web. Er hat Kontakt zu seinen Freunden in den sozialen Netzwerken, kann sich Twitter/Facebook- und Email-Nachrichten vorlesen lassen. Er kann mit Hilfe online-gestützter Spracherkennung SMS-Mitteilungen diktieren und behält die Hände am Steuer. Und die Navigation wird optisch durch Karten von Google Earth und Street View unterstützt. Um ein touristisches Ziel anzusteuern, sucht er sich ein Foto von einem Ort aus, der ihm gefällt, und übernimmt dessen GPS-Koordinaten. Flugpläne und Informationen über günstige Tankstellen gibt’s auch. Die Verkehrsinformationen online informieren über Staus. Und der Lieblingsradiosender begleitet seine Hörer rund um die Erde über den Audi music stream.

Zum Stichwort „individuell wie ein Maßanzug“ wird ein Premium-Kunde auch in Zukunft millionenfache Kombinationsmöglichkeiten für sein Auto erwarten. Liefern Sie uns gerne Ideen, wie ein Audi seinen Besitzer noch besser sich selbst verwirklichen lässt. Ob individuelle Farben oder Formen – für „Losgröße 1“ ist vieles denkbar. Wir zünden gerade eine weitere Innovations-Offensive, weil Audi wie keine andere Marke für Vorsprung durch Technik steht.

Auch an dieser Stelle erlauben Sie mir einen politischen Exkurs: Wer Innovationen vorantreiben will, braucht die richtigen Rahmenbedingungen. Für uns in der Automobilindustrie ist ein klares Nein zu Steuer- und Abgabeerhöhungen wichtig.

Warum? Steuererhöhungen wirken wachstumshemmend. Steuererhöhungen schaden dem Industriestandort Deutschland. Sie führen zu Wettbewerbsnachteilen für die deutschen Unternehmen. Ganz konkret sprechen wir uns – gerade mit Blick auf die mittelständische Wirtschaft –  gegen eine Wiederbelebung der Vermögenssteuer aus, gegen eine Vermögensabgabe, gegen ein Ausweiten der Gewerbesteuer und gegen ein Verbreitern der Bemessungsgrundlagen.

Nur wenn der Rahmen stimmt, können wir als Industrie das Zukunftsbild zeichnen, in dem Deutschland auch morgen weltweit führender Industriestandort ist.

Was tun wir bei Audi für das Innovationsklima? Wir werden in Zukunft noch mehr Konzeptwettbewerbe mit der Zulieferindustrie veranstalten. Und wir werden in Kürze  ein Forum Innovation aufsetzen und Ihnen so Impulse geben, an welchen Stellen wir Lösungen suchen. Wenn Sie etwas haben, das ein richtig gutes Alleinstellungsmerkmal für Audi werden kann, bieten Sie uns das bitte an, auch ohne gefragt zu werden. Wir suchen spannende Einzelideen für ein bestimmtes Modell oder bahnbrechende Schlüsseltechnologien! Bringen Sie Ihre Innovationskraft in die weitere Erfolgsgeschichte von Audi ein. Dann erreichen wir gemeinsam, dass wir auch im kommenden Jahrzehnt die deutsche Führungsrolle im weltweiten Automobilmarkt verteidigen.

Vielen Dank.

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